Airbag, Sicherheitsgurt, Kopfstütze und Knautschzone des Schwimmens

"Airbag" des Schwimmens
Zentralpunkt der Aquapädagogik ist die Schreckreflexumkehr, die als "Airbag des Schwimmens" im Notfall zuverlässig und lebensrettend die allermeisten Schwimmkatastrophen verhindert. Eine ähnliche Bedeutung kommt der Fähigkeit des passiven Schwimmens zu, die im herkömmlichen Unterricht ebenfalls kaum eine Rolle spielt. Im Sinne praktizierter Sportökonomie kennzeichnen zudem ungewöhnliche, aber besonders kleinkindgerechte Organisationsformen das Konzept. Würden genannte Neuerungen im Unterricht berücksichtigt, ließen sich zukünftig einige Menschenleben retten und unzählige traumatische Erlebnisse mit bösen Folgen vermeiden!
Zählaktionen durch zuschauenden Eltern belegen immer wieder, dass wir in den siebenwöchigen Anfängerkursen der Drei- bis Fünfjährigen auf mindestens rund 1500 gewollte, bewusste und selbst kontrollierte kleine Tauchversuche kommen und damit den Schreckreflex in wassertypischen Situationen bereits zuverlässig umgekehrt haben. Dabei ist das Pusten aus Sicht der Kinder nur ein selbstverständlicher Bestandteil jedes Sprunges und obendrein versteckt man sich noch einmal in der Mitte des Beckens sowie vor dem Hinausklettern mit dem Kopf unter Wasser - natürlich pustend!
Diese lebenswichtigen Atemübungen tragen entscheidend zur Sicherheit und Bewältigung kritischer Gefahrensituationen im Wasser bei und sind daher Kerninhalt unserer Anfängerkurse.
Noch einmal: Das reflexartige Ausatmen bei jedem Eintauchen ist der Generalschlüssel zur tatsächlichen Wassersicherheit. Mit der Schreckreflexumkehr verhelfen wir den Kindern zu einer Art zweitem Atemschutzreflex, der fortan in puncto Sicherheit ebenso bedeutsam ist, wie der angeborene Atemschutzreflex beim frühen Babyschwimmen. Anders ausgedrückt:
Wenn in jedem modernen Fahrzeug Airbags wichtige Schutzfunktionen übernehmen, erfüllt die Schreckreflexumkehr im Wasser die gleiche Rolle. Sie ist der Airbag des Schwimmens.
Passives Schwimmen - "Sicherheitsgurt" im Wasser
Auch wenn die Schreckreflexumkehr die meisten Schwimm- und Badekatastrophen verhindert: Sollte doch einmal etwas daneben gehen, muss man auch damit klarkommen können!
Sämtliche Aktivitäten an Land bieten diverse Chancen den Schongang einzulegen, wieder zur Ruhe zu kommen und so lange passiv zu sein, bis man wieder mit neuem Elan durchstarten kann. Nur dort, wo es schnell ernsthaft dramatisch werden kann - im Wasser - wird den Anfängern bislang keine vergleichbare, lebensrettende Maßnahme mit auf den Weg gegeben! Eine unverzeihliche, gelegentlich katastrophale Nachlässigkeit!
Daher nimmt bei uns das Ausruhen neben der Schreckreflexumkehr einen annähernd gleichen Rang in der Prioritätenliste ein.
Hier geht es um das richtige Verhalten direkt nach kleinen alltäglichen Notfällen und gleichzeitig darum, möglichst früh das passive Schwimmen zu beherrschen. Bereits in den ersten Stunden vermitteln wir kleinen Anfängern Techniken, die es ihnen erlauben, in derartigen Situationen wieder zur Ruhe zu kommen bzw. sich im Wasser zu erholen und gleichzeitig bei Bedarf mit geringstem Kraftaufwand Vortrieb zu erzeugen. Mit anderen Worten: Wir bringen ihnen bei, wenn nötig nur passiv, aber dennoch sicher zu schwimmen. Eine Technik, die sozusagen als "Sicherheitsgurt des Schwimmens" dient.
Kleine Kinder brauchen im Wasser eine "Kopfstütze".
Wer im Fach Biologie nicht nur hinter der Säule gesessen hat, weiß, dass bei Babys der Kopf ein Viertel der gesamten Körpergröße ausmacht, während es bei den Erwachsenen nur noch rund ein Achtel ist.
Natürlich ändert sich das Größenverhältnis nicht auf Knopfdruck und die angesprochene Altersklasse ist selbstverständlich deutlich näher an den Babys als an den Erwachsenen. Das bedeutet, dass die Kinder in dieser Entwicklungsphase im Vergleich zu ihrem Körper immer noch einen sehr großen, schweren Kopf haben. Den können sie natürlich im normalen Alltagsleben gut und ausdauernd auf dem Hals balancieren. Sie schaffen es aber nur sehr kurzzeitig, bäuchlings in der Waagerechten liegend (z.B. beim Brustschwimmen) den Kopf über das Körperniveau (also über das Wasser) zu heben. Auch der relativ kurze Hals und die für solche Aktionen noch zu schwache Nacken- und Schultermuskulatur lassen das nicht anders zu. Ferner tragen die ungünstigen Hebelverhältnisse der Arme dazu bei...
Fazit
Meine Antwort auf die Frage nach der der ersten Schwimmart lautet daher: In der Altersklasse der Drei- bis Fünfjährigen bietet sich das Rückenschwimmen für das Strecken- und Ausdauerschwimmen, das passive Schwimmen und Auszeiten an. Die Bauchlage wird zunächst mehr oder weniger den Orientierungsphasen vorbehalten bleiben. Dabei kommen die Armbewegungen zwar meist schon dem Brustschwimmen, die Beinbewegungen aber eher dem Strampeln oder Laufen, nicht selten auch schon dem Kraulbeinschlag nahe und sind damit eine Art altersgerechte, natürliche Mischform.
Schwimmen mit "Knautschzone"
Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein entwickeln sich nur dann, wenn man auch tatsächlich in sie hineinwachsen kann.
Den Kindern werden zunächst die wichtigsten Spielregeln erklärt:
"Jedes Kind darf allein hineinklettern oder hineinspringen. Beim Springen muss man sich vorher mit allen Zehen am Rand festhalten. Dann muss man über all das, was man gleich im Wasser tun möchte, genau nachdenken. Und bevor man wirklich springt - natürlich ganz weit weg vom harten Rand ins weiche Wasser -, muss man noch genau schauen, ob auch wirklich genug Platz ist. Denn es darf niemand zu dicht an andere Kinder heran springen, weil sich sonst beide Kinder furchtbar wehtun können!"
Es versteht sich von selbst, dass hier nicht alles sofort reibungslos klappt. Grob geschätzt kommt es in jedem Halbjahr einmal vor, dass ein kleiner Träumer vor dem Sprung nicht richtig schaut und somit eine kleine - gelegentlich sogar schmerzhafte - Karambolage verursacht. Gleiches soll auch Fahrschülern passieren. So versuchen wir recht erfolgreich, das Risiko zu minimieren und die Kinder dennoch so früh und realitätsnah wie möglich an das normale Geschehen im sommerlichen Badegetümmel heranzuführen. Das sieht für Außenstehende im ersten Moment sicherlich ungeordnet oder sogar chaotisch aus, aber wir achten sehr genau darauf, dass niemand überfordert wird.
Noch einmal: Was hier nach Pariser Feierabendverkehr auf dem Place de la Concorde aussieht, läuft meist ohne weitere Reglementierungen störungsfrei und sehr sicher ab. Man muss sich eben nur trauen. Es stimmt schon, wenn gesagt wird: "Wer in Paris fahren kann, kann es überall!" Und wer bei uns das Schwimmen lernt, ist bald - überall - im Wasser zu Hause. Daher halte ich es für durchaus berechtigt, hier mit Blick auf den Straßenverkehr von der Knautschzone des Schwimmens zu sprechen.