Vor vielen Jahren, als ich noch Verwaltungsbeamter werden sollte und meine Zeit in der Abteilung „Jugendgerichtshilfe“ der Hamburger Jugendbehörde in einem uralten Gebäude in der Kaiser-Wilhelm-Str. verbrachte, hatte ich sehr oft Gelegenheit, die Verhandlungen im nahen Jugendgericht zu verfolgen. Als Assistent eines Bewährungshelfers war es legal, in die ansonsten nichtöffentlichen Sitzungen zu kommen. Ein Richter, der sich ehrenamtlich im Schwimmsport engagierte und den ich als Leistungssportler gut kannte, erlaubte mir sogar, bei „größeren Sachen“ an den Urteilsberatungen mit den Schöffen teilzunehmen.

Ein häufiger Ausspruch dieses Richters ist mir immer im Gedächtnis geblieben:

  • „Hätte man ihm (dem Angeklagten) rechtzeitig einen spürbaren Schuss vor den Bug gegeben, hätte er sich ganz anders entwickelt. -  Jetzt rechnet er: Zwanzig mal gut gegangen und nur einmal erwischt. Unter dem Strich ein guter Schnitt! Warum soll er was ändern?! -  Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er auf der schiefen Bahn weiter abrutschen!“

Mehrere dieser Jungen erlangten später tatsächlich bis in die Bildzeitung hinein traurige Berühmtheit.

In über 30 Jahren Lehrerdasein in der Hauptschule habe ich mich viel öfter, als mir lieb war, daran erinnert und wenn möglich dafür gesorgt, deutliche Stoppzeichen zu setzen, bevor der Absturz erfolgte.

Und auch bei den Kleinen in der Schwimmschule verfolge ich eine gerade und konsequente Linie, die von Psychologen so gern als „liebevolle Strenge“ tituliert wird. Sicher auch ein Grund, warum die Kinder zum Erstaunen der Eltern hier so gut „funktionieren“.

Und nun erzog Leonie bereits zum zweiten Mal ihre Mutter. Sie führte sehr erfolgreich in Umkleide und Dusche das Schauspiel „Ich will nicht! Und wir werden schon sehen, wen das am meisten nervt!“ auf.

Einigermaßen geschafft bat mich die Mutter um Hilfe und … die Vorführung war nach wenigen Sekunden beendet. Schließlich hat man als Fremder die Möglichkeit, scheinbar völlig unbeeindruckt, ruhig und vor allem ganz anders als Mama zu reagieren.

Eine Woche später der zweite Akt, allerdings deutlich lauter und intensiver. Denn Leonie war natürlich darauf vorbereitet, dass auch heute ein zweiter Kontrahent dort war. Und der sollte nicht schon wieder gewinnen!

Mir wurde also wieder ein kleines „Protestbündel“ übergeben. Wir setzten uns auf die nächste Bank und ich fragte nach dem Grund des Theaters. Man höre und staune: Leonie erzählte, seit vielen Wochen regelmäßig von ihren Eltern „zum Schwimmen geprügelt zu werden“.

Also wieder einmal einen stillen Gruß an den früheren Richter und blitzartig die passende Lügengeschichte aus dem Ärmel geschüttelt:

„Das ist ja schrecklich. Mein Freund aus Köln hat mir gerade vorgestern eine ganz ähnliche Gemeinheit erzählt. Der ist Lehrer und seine Schülerin - die heißt übrigens auch Leonie - wurde von den Eltern immer zum Turnen geprügelt. Da hat er die Polizei angerufen und die sperrte die Eltern für drei Tage ins Gefängnis. Weil die ihr Kind verprügelt haben! Soll ich auch die Polizei anrufen?“

Allerheftigstes Kopfschütteln war die Folge. Dann die schnelle Flucht ins Wasser. Aber man sah, dass Leonie bestimmt nicht mit dem Schwimmen beschäftigt war. Also: Fall zunächst erledigt und zwischendurch kurz die Mutter informiert, die dann sehr dankbar reagierte.

Nach zehn Minuten stand Leonie schluchzend wieder vor mir, mit einem Riesenstein auf dem Herzen. „Müssen meine Eltern wirklich nicht ins Gefängnis? Und wo ist das Kind geblieben, als seine Eltern im Gefängnis waren?“

„Das Mädchen war bei der Oma, da ist sie sehr gern. Und Deine Eltern müssen natürlich nicht ins Gefängnis. Ich kenne sie doch und weiß genau, dass die Dich niemals verprügeln würden. Deshalb brauch ich ja auch nicht zur Polizei zu gehen! Und Du versprichst mir, dass Du nicht mehr lügst?!  Hand drauf! Alles wieder in Ordnung! Kannst wieder losschwimmen!“

Vorsichtshalber rief ich am nächsten Tag Leonies Mutter an. Sie berichtete, dass ihre Tochter bereits auf der Heimfahrt unaufgefordert mehrfach das Versprechen abgab, niemals wieder zu lügen und auch auf  Kampfszenen vor der Schwimmstunde verzichten wollte. Am Abend tauchte sie jedoch zehn Minuten nach dem letzten Gutenachtkuss noch einmal auf. Ihr lag noch eine wichtige Frage auf der Seele: „Mama, was ist eigentlich prügeln?“

In diesem Moment hätte ich mich gern selbst verprügelt.

  • Merke: Ist der Sprachschatz unserer Kinder auch noch so groß und wird er auch noch so punktgenau eingesetzt, heißt das noch lange nicht, dass ihnen die Bedeutung der Worte bekannt ist.

Jedenfalls habe ich meine Lektion verstanden.

Uwe Legahn, April 2010