Das erste Probeschwimmen für "Fortgeschrittene" im neuen Bad. 15 Kinder standen auf der Liste, 12 sind gekommen. Während sich die Kinder mit Hilfe ihrer Eltern für das Schwimmen vorbereiten, ziehen in Gedanken die vielen Bäder an mir vorüber, in denen ich bereits derartige Veranstaltungen gemacht habe. Wie viele das wohl waren? Schnell gebe ich das zählen der Orte auf; aber die verschiedenen Länder vielleicht?! Norwegen, Dänemark, Polen, Ungarn, Italien, Frankreich, Argentinien, Uruguay, USA und einige Einladungen stehen noch auf der Liste. Diese vielfachen Erfahrungen unter oft vollkommen ungewohnten, teilweise chaotischen Bedingungen und in der Regel nur mit Hilfe der Mimik und Gestik, ohne sprachliche Kenntnisse, müssen es wohl sein, die mir nicht mehr das berühmte Kribbeln im Bauch, das Lampenfieber oder gar Nervosität bereiten, obwohl ich doch nach den Erlebnissen der letzten Tage allen Grund hätte, mindestens nervös zu sein. Der Unmut der bisherigen Vereins-Kunden war teilweise noch deutlich heftiger, als zu erwarten war. Wie weit ist die Grenze zwischen Routine und Abgestumpftheit noch entfernt?
Die Kinder sind fertig umgezogen und zeigen mir etwas verhalten ihren Mut beim Duschen. Im Bad frage ich (man hat ja Erfahrung, ist vorsichtig und vorausschauend) erst alle Kinder gemeinsam und dann noch einmal einzeln nacheinander, wer vielleicht trotz der Schwimmabzeichen am Bauch entweder Schwimmflügel oder die TuS-üblichen Schwimmgürtel haben möchte. Schließlich hatten uns die Vereins-Kursleiter alle übereinstimmend erklärt, dass sie die Gürtel bevorzugen. Zwei Kinder lassen sich die Schwimmflügel geben und ein Junge möchte den Gürtel haben; bei allen anderen ernte ich heftigstes Kopfschütteln. - Ist ja auch klar, sind ja Fortgeschrittene mit Abzeichen -.
Einen Moment überlege ich, die Kinder einzeln nacheinander starten zu lassen. Es könnte ja sein, dass sich da jemand zuviel zutraut. Aber alle machen einen recht sicheren Eindruck und außerdem ist es ja nur die kurze 6-Meter-Querbahn. So stellen sich die Zwölf nebeneinander am Rand auf und springen auch auf mein "na, dann zeigt man mal..." ohne zögern hinein.
Bevor ich den Gedanken "typische Brustschwimmanfänger" weiter spinnen kann, sehe ich in der Mitte einen Jungen "in Richtung Wolken" schwimmen; so wie alle, die unvorbereitet im Wasser Probleme haben, den Rettungsgriff in der Luft suchen und dabei mit dem Gesicht ins Wasser geraten und auch Wasser schlucken. Also hinein, noch zwei Schritte und schon habe ich den Kleinen im Arm, bringe ihn an den Rand zu allen anderen Kindern und sage ihm, dass er sich besser auch noch ein Paar Schwimmflügel holen soll, damit es gleich besser geht. Auf dem Weg dorthin begegnete er seiner Mutter, die nach der von ihr durch die Glastür beobachtete Rettungsaktion ihres Kindes durch die Umkleide bis zur Dusche stürmte und nun ihr gerettetes Kind in die Arme schloss. Bei so viel Dramatik mußte sich nun aus Sicht des Jungen das bislang auf Schreck und Enttäuschung begründete Schluchzen zu einem tränenreichen, lauten Weinen steigern. Die Mutter bedachte mich noch mit ein paar Bemerkungen zu meiner Unfähigkeit und meinem unverantwortlichen Leichtsinn, um dann ihr Kind nach einer 15-Sekunden-Schwimmstunde endgültig in Sicherheit zu bringen.
Bis zum nächsten Morgen hatte ich dann genug Gelegenheit, mich wahnsinnig über die eigene Dusseligkeit zu ärgern und mir heftige Vorwürfe zu machen. Denn hätte ich nicht auf die Erwachsenen gehört, sondern die Kinder wie bei allen ähnlichen Gelegenheiten im Ausland nach ihrer Bezeichnung für die dort gebräuchlichen Schwimmhilfen gefragt, hätte ich ihnen Schwimmflügel und "Päckchen" angeboten und dieses Unglück wäre mit Sicherheit nicht passiert.
Bei der Mutter habe ich mich am nächsten Tag entschuldigt. Wir haben uns ausgesprochen und den Vorfall aus der Welt geräumt. Alle Kinder dürfen sich auf Wunsch Päckchen nehmen und ich "verschwende" wertvolle Schwimmzeit, in dem die allererste Bahn in Reihe geschwommen wird. Nebenher ergab sich hier wieder einmal ein Beispiel für die alte Erkenntnis der Psychologen, dass die kleinen Missgeschicke des Lebens von den Kindern zumeist solange gut "verdaut" werden, wie die großen "Vorbilder" diese nicht ungewollt durch ihr anschließendes Verhalten zu einer echten Katastrophe dramatisieren.