Oktober 2002, Minnesota USA
"Papa, bleib doch bitte einen Tag länger und schau Dir morgen unser Training an. Ich hab dem Trainer schon gesagt, dass Du kommst. Er möchte unbedingt mit Dir sprechen!"
Wer kann da schon nein sagen. Außerdem wollte ich schon lange mal ein typisches Highshool-Training erleben. Schwimmschulen und Uni-Mannschaften kannte ich genug.
Also holte ich Jenny und zwei ihrer Freundinnen am nächsten Tag in der Schule in einem kleinen Ort westlich der Metropole Minneapolis-St.Paul ab und brachte sie ins 10 Meilen entfernte Schwimmbad.
Vor Trainingsbeginn war genug Zeit zum "klönen" mit dem Trainer und seiner Assistentin, wobei sie sich vorwiegend für meine gute Bekanntschaft mit dem mehrfachen US-Olympiacoach Peter Daland interessierten, von der ihnen Jenny berichtet hatte.
Schnell begann das Training: Rund 60 bis 70 Mädchen auf sechs 25 Yards-Bahnen, links die älteren Sportschwimmerinnen, auf der rechten Seite die Jüngeren, die teilweise kaum dem Anfangsschwimmen entwachsen waren.
An der Stirnseite der Halle vor der Bahn 5 "trohnte" der Trainer auf der Bank über seinen Schwimmerinnen und gleiches tat die Assistentin vor der Bahn zwei. Es wurde streng nach Plan geschwommen, das heißt, nach dem er den nächsten Punkt des Planes studiert und verinnerlicht hatte, prasselten seine Anweisungen zunächst auf die älteren Aktiven nieder, die dann nach seinem "ready,go!" erneut starteten. Danach die etwas abgespeckte Variante seitens der Assistentin und nach deren "ready,go!" setzten sich dann alle Jüngeren wieder in Bewegung.
Als sich dieses Aufgabenstakato mit der anschließenden Totalruhepause seitens des Trainerteams auch lange nach dem "Einschwimmen" fortsetzte und zwischendurch auf der Bank absolut nichts passierte - keinerlei direkte Ansprache, keine Zeichen, kein Blickkontakt, keine Korrektur - fragte ich mich, ob ich wirklich in der Schwimmerhochburg USA war. Gerade die Kleinen hätten jede Menge persönlichen Zuspruch nötig und auch bei den Großen waren reihenweise gröbste Anfänger- und Flüchtigkeitsfehler zu sehen.
Die "Filmerlaubnis" hatte ich vom Trainer erhalten. So konnte ich mich im Bad überall frei bewegen und neben dem Filmen meiner Tochter - die auf meine Fingerzeige gepolt war und daher ständig den Blickkontakt suchte - unauffällig die nötigen Tips geben, um die in den vergangenen 14 Wochen eingeschlichenen Fehler zu korrigieren, was wie immer bestens funktionierte.
Während der nächsten Pause fragten die anderen Mädchen Jenny, was die Zeichen von "dem da oben" wohl zu bedeuten hätten und nach Jennys Erklärung suchten nicht nur alle im Vorüberschwimmen den kurzen Blickkontakt, sondern sie reagierten auch in der gewünschten Weise. Das bekam dann sogar der Trainer mit, der ja ansonsten mit dem Studium des weiteren Trainingsplanes beschäftigt war. Im Nu bat er mich, ein paar Kostproben des Trainings made in germany zu geben, was die Mädchen als willkommene Abwechslung begrüßten.
Als die Schwimmerinnen bereits beim Duschen waren, sprach der Trainer doch das Thema an, welches ich tags zuvor bei Jenny als Märchen abgetan hatte. Er wollte wissen, wie ich die Aktiven dazu bringe, beim Kraulschwimmen den Kopf in der richtigen Position zu halten, denn seine häufig verordneten 20 Extra-Straf-Liegestütz führten zumeist zu keinem dauerhaften Erfolg.
"Sag ihnen zuerst, warum der Kopf oben bleiben soll. Das sind intelligente Leute; wenn die über die Folgen von schlechtem Stil informiert werden, wirst Du bereits großen Erfolg haben. Und wer weiterhin im Tiefschlaf wegen zu tiefer Kopfhaltung wie ein Fass in der Brandung rollt, darf 200 Yards im Wasserballstil schwimmen; das wirkt meist sehr nachhaltig."
Zwei Wochen später berichtete Jenny am Telefon stolz über den dritten Platz, den sie mit ihrem Highshool-Team bei den Minnessota- Schwimmmeisterschaften errungen hatte. Und sie schimpfte über obligatorische, sehr lange Trainingsstrecken im Wasserballstil, obwohl sie doch ihren Kopf immer in der richtigen Höhe hielt.




