Schwimmunterricht in Argentinien
Buenos Aires, Argentinien im Oktober 2001.
Im großen Saal des Kongresshotels hatte man mir als Referent meinen Platz in der ersten Reihe zwischen den Kollegen aus allen Erdteilen "verordnet". Meinen Vortrag hatte ich beim Weltbabyschwimmkongress über unsere Aquapädagogik bereits am Tag zuvor gehalten. Es war ein großer Erfolg für unsere Arbeit, den man mir von allen Seiten bestätigte. Alle Experten waren sich einig, dass ich ihnen eine wirklich neue Perspektive, etwas Zukunftsträchtiges präsentierte.
Nach den gestrigen ersten internationalen Beiträgen stand nun die Vorstellung des nationalen Schwimmunterrichts aus einigen Provinzen des Riesenlandes auf dem Programm. Vorn auf dem Podium saßen zwölf Frauen und ein Mann, die den über 800 Teilnehmern in Kurzform über ihren Unterricht berichten wollten. Von gespielter Lässigkeit über deutliche Anspannung bis hin zu "ich würde am liebsten im Boden versinken" war alles auf den Gesichtern abzulesen. Besonders eine junge Frau, offensichtlich indianischer Abstammung, war dieses "Sich-in-Luft-auflösen-Wollen" immer deutlicher anzusehen, je näher sie ihrem Auftritt kam. Unwillkürlich musste ich an die "Völkerschauen" bei Hagenbeck denken, von denen mir meine Großmutter so oft begeistert erzählte und die mich immer vor die Frage warfen, was wohl diese "Naturmenschen" von ihrer Zurschaustellung hielten. So war es wohl mehr als weise Voraussicht der Kongressveranstalter, dass sie diesen Referenten den Weg zum Rednerpult ersparten und sie von ihren sicheren Sitzplätzen sprechen ließen.
Umso beeindruckender war dann der Vortrag der jungen Indianerin, bei dem sie von Satz zu Satz immer mehr Sicherheit gewann. Am Ende hatte sie - sicherlich ungewollt - zumindest den Referenten aus allen reichen Ländern der Welt sehr überzeugend und nachhaltig vor Augen geführt, dass Glück und Wohlstand auf unserem Globus recht unterschiedlich empfunden werden:
Sie kam aus dem äußersten Norden Argentiniens, lebte in keiner Stadt, in keinem Dorf, sondern mit ihrem Freund auf einem alten Boot im Fluss, einem Nebenarm des Amazonas. Dort brachte sie den Kindern der umliegenden Dörfer das Schwimmen bei. Zur Unterrichtsvorbereitung gehörte zunächst die Fahrt vom Ankerplatz zur nahen Lagune. Dort wurden dann die Ruder kräftig und laut klatschend auf das flache Wasser geschlagen, um einerseits gefräßige Wasserbewohner wie Flusskrokodile und anderes Getier zu vertreiben und gleichzeitig den Start des Schwimmunterrichts anzukündigen. Daraufhin fand sich die Dorfjugend mit Hilfe kleiner Boote ein und es wurde ein ganz und gar unspektakulärer Unterricht durchgeführt. Dass ihr Freund dabei an Bord blieb und vorsichtshalber mit dem Gewehr im Arm "Wache schob" war nach ihrer Meinung ganz normal und eigentlich völlig überflüssig, denn in den sieben Jahren, in denen sie diesen Job schon machte, hatte es dort noch keine Krokodilattacken gegeben. Die äußeren Umstände waren eben nur etwas anders. Die "Kursgebühr" brachten die Schüler übrigens von Stunde zu Stunde mit. Es wurde in Naturalien gezahlt. Ein Fisch, ein Stück Fleisch, ein halbes Huhn, Gemüse, Mais, Manioks - Geld gab es selten. Hier in der Metropole Buenos Aires war tosender Applaus ihr Lohn, den sie verschämt über sich ergehen ließ.
Von derart beeindruckenden Menschen mittels des heimischen Fernsehers berieselt zu werden, ist eine Sache. Einen solchen Vortrag "live" zu erleben, ist fraglos ungleich intensiver; das geht unter die Haut. Als mich dann später ein Dolmetscher händeringend und beinahe schon unterwürfig fragte, ob ich, der einzige Alemano, ein Foto mit ihr und ihren Kolleginnen erlauben würde und vielleicht sogar ein Autogramm.... da war es an mir, mehr als beschämt zu sein.




